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# Ich wusste nicht, wie man eine Kartoffel kocht.
- URL: https://www.georgbulmer.com/mein-jahr-in-einer-sternekuche/
- Published: 2026-10-08T09:50:26.000Z
- Updated: 2026-10-08T09:50:26.000Z
- Author: Georg Bulmer

## Wie ein ungelernter Koch in einer Sterneküche landete.

Ich stehe als ungelernter Koch in einer Küche mit Michelin-Stern, und die Uhr tickt unaufhaltsam auf den Abendservice zu. Und ich beginne mich zu fragen, was ich hier eigentlich tue und warum ich nicht einfach bei meinem langweiligen Bürojob geblieben bin.

Irgendwie bin ich inzwischen Entremetier in einem Restaurant. Ich bin also für alles auf dem Teller zuständig, was warm ist – mit Ausnahme von Fisch und Fleisch. Gedämpftes Gemüse, Risotto, hausgemachte Pasta, vegetarische Saucen wie Senf- oder Trüffelsauce, Kartoffeln in allen erdenklichen Formen, von Püree bis Pommes frites, Brot und Aufstriche.

An einem normalen Tag muss ich bis mittags sämtliche Beilagen, die Tagessuppe und ein vegetarisches Hauptgericht für den Mittagsservice fertig haben. Ein paar Stunden später beginnt dasselbe Spiel für den Abend. Und zusätzlich kommen zehn weitere Beilagen – aufwendige Pürees, edleres Gemüse und alles andere, was wir für den Sterne-Service brauchen, das in einem separaten Restaurant läuft.

Sobald die ersten Gäste da sind und wir für zwei Restaurants kochen, geht es ab.

„Okay, jetzt zwei Fisch mit Risotto – wie lange? Dann haben wir den dritten Gang vom Vierertisch. Ich brauche drei Pürees und eine Kartoffel. Die gehen in fünf Minuten raus, sobald das Fleisch fertig ist. Neuer Tisch: drei Salate und zwei Knödel als Vorspeise. Danach der große Tisch: drei Pasta, zwei Pommes, eine Suppe und Rotkohl zur Ente. Und macht euch schon mal für die Weihnachtsfeier im großen Saal bereit. Die hatten gerade die Vorspeisen – in 15 Minuten schicken wir den Hauptgang für 40 Leute.“

Ich habe diesen Job ein Jahr lang gemacht, von neun Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Bei knapp 1,80 Meter Körpergröße wog ich irgendwann nur noch 65 Kilo. Offenbar nimmt man ab, wenn man den ganzen Tag jedes einzelne Gericht probiert. Und verdient habe ich dabei so wenig wie seit meinem Studium nicht mehr – abgesehen vielleicht von ein paar Praktika.

Und ich habe es wirklich geliebt. Es war der schönste Job, den ich bis dahin hatte.

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In einer professionellen Küche zu arbeiten, fühlt sich für mich fast wie Meditation an. Ich bin vollkommen im Moment. Der Blick ist nur auf das Gericht vor mir gerichtet. Man arbeitet mit den anderen Köchen so perfekt zusammen, dass wir beinahe gleichzeitig jedes einzelne Element eines Tellers fertig haben – Fleisch, Fisch, Beilagen –, sodass alles exakt auf den Punkt gegart ist und Sekunden später beim Gast steht.

Vor diesem Job und auch danach habe ich hauptsächlich am Laptop gearbeitet, im Softwarevertrieb oder in der Produktentwicklung. Mit dem Kochen hatte ich während meines Studiums als Hobby angefangen. Ein Freund von mir war ein sehr guter Koch, während ich nicht einmal wusste, wie man Reis oder eine Kartoffel kocht. True Story.

Irgendwann habe ich angefangen, mich durch Kochbücher zu kochen. Ich hatte fantastische Abendessen und absolut ungenießbare Fehlschläge. Ich habe Kochsendungen angeschaut, nahm nebenbei Jobs in der Gastronomie an und sammelte immer mehr Erfahrung. Bis ich schließlich bei einem Restaurant in den Niederlanden um ein einwöchiges Praktikum bat.

Und dann stand ich dort.

Ich blickte über den Hafen von Amsterdam, stand an einem langen Holztisch, neben mir eine Tasse Kaffee, und machte zum ersten Mal Pasta.

Ich war vollkommen fasziniert.

Zu sehen, dass man einen Teig auf zwei Meter Länge ausrollen, Püree und Eigelb darauf verteilen und daraus Ravioli formen konnte. Und dass später, wenn ein Gast mit dem Messer hineinschnitt, ein perfekt gegartes, noch weiches Ei herauslief und sich mit hausgemachter Pasta, Butter und Parmesan vermischte, war für mich wunderschön.

Kochen auf diesem Niveau war ein Abenteuer. Ich hatte das große Glück, es ausprobieren zu können. Und ich blieb ein Jahr.

Danach ging ich zurück in einen sichereren Job. Weniger Arbeitsstunden, mehr Geld, mehr Stabilität.

Aber jedes Mal, wenn mich meine Angst vor Veränderung zurückhält, die Angst, meinen Lebenslauf zu ruinieren, weniger Geld zu verdienen oder eine sichere Situation aufzugeben, wenn sie mich davon abhält, meinem Herzen zu folgen und mich in einem langweiligen Job festhält, denke ich an diesen Moment zurück.

An den Moment, in dem ich als ungelernter Koch in der Küche eines Sterne-Restaurants stand und irgendwie meinen Platz gefunden hatte.

Und dann weiß ich wieder:

Es darf beängstigend sein. Es darf anstrengend sein. Es darf Zeit brauchen.

Aber ich kann mich immer neu erfinden.

Ich kann immer wieder entscheiden, was ich als Nächstes tun möchte.

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